Sehnsucht nach einem neuen Lacrimosa-Album haben die vielen Fans dieser Formation auf der ganzen Welt schon seit Längerem. Denn obwohl durch die Veröffentlichung des Konzertfilms Lichtjahre der Zeitraum gar nicht so lange scheint, ist es nun bereits vier Jahre her, seit mit Lichtgestalt das bis dato letzte Album der Band das Studio verließ. Im Mai wird der Wunsch nach frischem Material jetzt endlich in Erfüllung gehen, und vorab hat uns Tilo Wolff schon das eine oder andere darüber verraten.

Tilo, was erwartet uns auf eurem neuen Werk?

TILO WOLFF: Tja, so einiges, wie man sich vorstellen kann, wenn man so viele Jahre kein Studioalbum mehr gemacht hat. Nach der Veröffentlichung von Lichtgestalt im Jahr 2005 haben wir auf unserer Welttournee viel erlebt, konnten in den verschiedensten Ländern vielen Menschen, die sich intensiv mit unserer Musik auseinandersetzen, begegnen. Es war sehr spannend, zum einen die Menschen und Kulturen der anderen Länder kennenzulernen und andererseits herauszufinden, wie in diesen Kulturen unsere Musik aufgenommen wird. Nach unserer Rückkehr war deshalb der Wunsch sehr stark, etwas Neues aufzunehmen, denn wenn man auf einer Tour so viel von den Menschen bekommt, möchte man auch etwas zurückgeben. Das war etwas ganz Besonderes, sich wieder an das Klavier zu setzen und im Unterbewusstsein die Erinnerungen zu haben, wie viel vielen Leuten Lacrimosa bedeutet. Mir war zwar auch früher schon bewusst, welchen Stellenwert Lacrimosa bei manchen Menschen hat, aber wenn man das Tag für Tag so gebündelt wie auf der Welttournee erlebt, ist das natürlich prägend. Dementsprechend erwartet den Hörer ein sehr emotionales Album. Auch, weil die gebündelte emotionale Last, die ich in all den Jahren, in denen ich nichts geschrieben habe, mit mir herumgeschleppt habe, nun wie ein Vulkanausbruch über mich herfiel.

Wie löst man sich von dieser emotionalen Wucht, die die angesprochene Konzertreise für euch bereithielt, um sich wieder auf ein Studioalbum konzentrieren zu können?

TILO WOLFF: Im Prinzip ist das ein natürlicher Prozess. Man lebt ja nach einer solchen Tournee sein Leben weiter, es haben sich viele Aufgaben angesammelt, die es zu erledigen gibt, und so kommt man ganz automatisch wieder in eine gewisse Normalität hinein, innerhalb derer man die Erlebnisse verarbeiten kann. Aber natürlich gibt es dabei immer wieder Dinge, die zum Ausbruch kommen wollen. Sonst würde man ja nicht anfangen, überhaupt irgendetwas zu schreiben.

Wie kam es, dass die Dinge, die da zum Ausbruch kommen wollten, dieses Mal hin zu dem Thema „Sehnsucht” führten?

TILO WOLFF: Als ich mit den Arbeiten zu dem Album begann, wusste ich noch gar nicht, wie es einmal heißen und worum es gehen würde. Irgendwann stellte ich fest, dass sich alle Songtexte um eine gewisse Sehnsucht drehen, und dass die Musik sehr sehnsuchtsschwanger daherkommt. Das war eine Entwicklung, von der ich selbst etwas überrascht war. Vielleicht konzentriert man sich, wenn man so lange nicht komponiert hat, einfach auf die wesentlichen Dinge, die ja, wie man bei Lacrimosas Texten erleben kann, oftmals um die Sehnsucht herum aufgestellt sind. Im Laufe der Arbeiten ist mir jedoch aufgefallen, dass ich bisher das Wort „Sehnsucht” immer als das verwendet habe, was es ist, beziehungsweise als das, wie ich es gesehen habe. Man stellt sich die Sehnsucht immer als ein meist romantisches Gefühl nach einer Erfüllung vor. Das stimmt auch, aber die Sehnsucht hat alle möglichen Facetten, die in ganz unterschiedliche Richtungen treiben können. Sie kann beispielsweise auch aggressionsgeladen sein oder einen gar nicht konkreten Hintergrund haben. Eine Grundstimmung von Sehnsucht, die man für sich selbst gar nicht erklären kann. Deswegen ist das Album extrem vielseitig und abwechslungsreich geworden. Wenn man an den Stimmen nicht erkennen würde, welche Band die Lieder spielt, würde man wahrscheinlich gar nicht darauf kommen, dass alle Stücke auf der Platte von derselben Band stammen.

Sehnsucht, Lacrimosa, Tilo WolffHast du nach etwas Bestimmten in deinem Leben noch Sehnsucht?

TILO WOLFF: Oh ja. Wenn ich keine Sehnsüchte mehr hätte, dann würde mich nichts mehr treiben, dann hätte ich kein Feuer zum Kämpfen und wenig Lebenswille und Lebensfreude. Das Leben ist voller Sehnsüchte, und ich hoffe, das bleibt auch bis zum letzten Atemzug so.

Das heißt also, das Gefühl der Sehnsucht ist für dich als Mensch Motivation – und auch als Künstler?

TILO WOLFF: Auf jeden Fall. Es ist für mich als Künstler so ziemlich die größte Inspiration und Motivation. Darum wundert es mich im Nachhinein auch ein wenig, warum ich noch nie ein Album mit dem Titel Sehnsucht gemacht habe. Vielleicht liegt das aber daran, dass ich damals das Stück Tränen der Sehnsucht aufgenommen habe und dann wohl eine ganze Zeit lang der Meinung war, damit würde es genug sein.

Du hast, als du unsere Leserfragen beantwortet hast, einer Leserin eine sehr schöne, ausführliche und grundlegende Antwort auf ihre Frage über die Liebe gegeben. Denkst du selbst oft über solche Dinge auf diese fast schon philosophische Weise nach? Wie wichtig ist es dir für dich selbst, dir über solche Gedankengänge im Klaren zu sein?

TILO WOLFF: Eigentlich überhaupt nicht. Im Prinzip scheine ich aber unbewusst schon darüber nachzudenken, sonst könnte ich nicht darauf zurückgreifen, wenn ich im Gespräch darüber dann bewusst nachdenke. Solche Gedanken kommen aber eher im Gespräch. Das ähnelt im Prinzip meiner Art, Musik zu machen: relativ intuitiv und spontan, ohne bewusst mein Hirn einzuschalten und mich darauf zu konzentrieren, was ich da tue. Es scheint sich überhaupt vieles bei mir auf einer unterbewussten Ebene abzuspielen. Oft verfasse ich beispielsweise auch einen Text, bei dem mir im Nachhinein gar nicht klar ist, warum ich ihn geschrieben habe. Erst viel später, wenn ich mich von dem emotionalen Spielfeld gelöst und dadurch einen anderen Überblick habe, erkenne ich, was ich da eigentlich geschrieben habe und dass ich emotional schon viel weiter war, als ich dachte. Es ist also eine zweite Ebene, auf der gewisse Dinge stattfinden. Das versuche ich auch gar nicht zu ändern, denn ich habe das Gefühl, dass damit auch ein gewisser Segen verbunden ist. Versucht man, alles mit seinem doch sehr beschränkten Intellekt auseinanderzunehmen, entgehen einem schlichtweg gewisse Dinge. Denn der Intellekt ist nun einmal unbestritten sehr beschränkt. Nehmen wir, um auf deine Frage zurückzukommen, nur einmal die Sache der Liebe. Sie hält uns am Leben, und doch sind wir nicht in der Lage, sie mit dem Verstand richtig zu begreifen!

 

CREDITS

2009 (с) Orkus, Axel Schön

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